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Wie es zum Biwak Piero de Zen kam

von Nanzer Roland

Sommer 87

Anruf der Kantonspolizei: Alarm! Am Fletschhorn wird ein Alpinist vermisst. Kontakt mit Air Zermatt. Ich biete die Mannschaft auf. Unser Apparat läuft an. Stellvertreter und Mannschaft sind auf Pikett. Flug mit dem Heli im gleissenden Sonnenlicht an der Nordwand des Fletschhorns. Aufstiegsspuren. Jemand ist hochgestiegen. Suche auf und ab. Der Berg wirkt in dieser Perspektive unglaublich mächtig. Ein wunderschöner Koloss ruhig und schweigend. Die Nerven sind angespannt. Wo kann der Mann sein? Hat er Probleme? Wartet er irgendwo in dieser Eis- und Felswelt auf Hilfe? Ist er abgestürzt? Beim Aufstieg oder beim Abstieg? Wenn beim Abstieg, welche Route hat er genommen? Abstiegspuren am Nordgrat! Sie verlieren sich nach der Felsstufe. Wo kann er sein? Schneerutsche, die sich in der Wärme gelöst haben. Er könnte verschüttet sein. Der Bergschrund wirkt verschlossen. Wir müssen davon ausgehen, dass der Alpinist verschüttet ist. Die Rettungskolonne steigt auf und wird zum Teil hochgeflogen. Lawinenhundeführer werden eingesetzt. Suchen. Wir finden ihn nicht.

Am 2. Tag


Abbruch der Suche. Besprechung mit seinen Freunden. Erneuter Anlauf. Doch der Berg gibt sein Geheimnis nicht Preis. Wir müssen warten, bis der Schnee etwas abschmilzt.

2 Tage später


Eine Seilschaft, die in die Wand einsteigt, findet den Vermissten. Er war in einem der vielen Rutsche und ist nun ausgeapert. Trauer. Gedenken an den uns nicht bekannten Bergkameraden Critti Gianfranco. Die Gedanken schweifen auch zur Familie, die wir nicht kennen und deren Trauer wir nur erahnen können. Weihnachten. Eine Karte aus Oleggio. Marozzi Giampiero, der Freund von Critti Gianfranco schreibt. Das erste Mal. Langsam entwickelt sich eine stille Freundschaft.

Sommer 94

Kreuzsetzung auf dem Hübschhorn. Wir gedenken der 3 jungen JO-Mitgliedern aus Brig, die am Belgisch-Grat abgestürtzt sind. Die Freunde aus Oleggio sind da. Am Ende des Tages bleibt im Hospiz ein Fotoapparat liegen. Von wem? Wir lassen den Film entwickeln. Es sind Bilder von einer Hochzeit. Der Anlass muss in Italien gewesen sein. Wir kennen jedoch niemanden.

Sommer 97

Rettertreffen auf dem Simplon. Es fehlen die Freunde aus Oleggio? Was ist passiert? Am Abend ein Anruf von Marozzi Giampiero. "Es tut uns leid aber einer von uns ist tödlich verunglückt. Piero de Zen"!

August 1998

"Ciao, hier Giampiero, ich bin auf dem Simplon. Hast du Zeit? Wir müssten etwas besprechen." Wir treffen uns auf dem Simplonpass. Marozzi Giampiero überrascht mich mit der Idee, am Fletschhorn ein Biwak zum Gedenken an die verstorbenen Kameraden zu errichten. Die Familie von Piero de Zen tritt als Stifter auf. Sie möchten zum Gedenken an Ihren Sohn etwas für die Alpinisten errichten, etwas, das der Passion von Piero de Zen - die Berge, die Freundschaft, die Toleranz und das gegenseitige Respektieren - entspricht. Es soll allen echten Alpinisten dienen. Giampiero ist inzwischen Präsident seiner Ortsgruppe des CAI geworden. Ich bin sofort begeistert und sage zu. Das machen wir. Ich sage zu, weil ich weiss, das diese Idee von unserer Station getragen werden wird. Dazu würde ein solches Biwak ein idealer Stützpunkt für Rettungseinsätze am Fletschhorn. Ich kann allerdings noch nicht ahnen, wieviel Arbeit auf uns zukommt. Mein alter Freund Miethig Werner, als Hüttenchef der Monte-Rosa-Hütte und des Laggins-Biwaks erfahren im Bau und Unterhalt von solchen Objekten, sagt sofort seine Unterstützung zu. Giampiero und seine Freunde erstellen sehr rasch die Konstruktionspläne des Biwaks, damit wir mit der Planung des Fundamentes, der Transporte, Arbeitsleistungen etc. beginnen können. Es wird ein kleines Biwak mit 9-11 Plätzen. Kontakte mit Oberst Pillet vom Militärschiessplatz: Der Biwakplatz befindet sich am Rande des Zielgebietes der Artillerie.
Besprechung in Brig.
Später Erkundungsflug auf den Platz. Handschlag! "Vous pouvez commencer!" Giampiero bleibt der Mund offen. Er hätte es nie für möglich gehalten, das eine militärische Instanz so schnell, unbürokratisch und kompetent entscheiden kann! Ein Lob für unsere Armee! Baugesuch an die Gemeinde Simplon-Dorf. Es wird wohlwollend bearbeitet. Innert weniger Monate erhalten wir die Bewilligung zum Bau dieses Biwaks. Die Köpfe werden heiss, ein Budget wird erstellt. Kurze Ernüchterung. Wo und wie können wir soviel Geld auftreiben? Werner Miethig lacht. "Das schaffen wir!"
Sitzung in Varzo.
Giampiero erklärt, dass seine kleine Ortsgruppe, ca 120 Mitglieder, nie soviel Geld aufbringen kann. Der Abend wird trotzdem gemütlich. Wir einigen uns, dass wir die Logistik, Material und Geldbeschaffung selber übernehmen. Und unsere Freunde der Rettung und der Ortsgruppe lassen uns nicht im Stich! Die Spenden beginnen zu fliessen. Die Ortsgruppe Brig verspricht einen kleinen Kredit, damit wir nicht einen Engpass geraten. Einfach fantastisch! Material wird uns gratis zur Verfügung gestellt. Der Zivilschutz leiht uns Werkzeug aus. Werner Miethig ist hier die treibende Kraft. Die statischen Berechnungen für das Fundament werden als Freundschaftsleistung gesponsert, etc. Das Biwak muss an einem geschützten Ort aufgestellt werden. Man könnte glauben, der Fels da oben sei stabil, doch die Realität zeigt, dass wir auf Permafrost bauen müssen. Dementsprechend schwer muss das Fundament sein. Dazu kommen unglaubliche Windgeschwindigkeiten, die hier auf 3000 m. ü. M. auf dem Grat unglaubliche Kräfte entwickeln. Am Schluss werden wir 12 Kubikmeter Beton hochfliegen!

1998 Baubeginn.

Ein internationaler Bautrupp steht bereit. Voller Motivation und Lust zur Arbeit. Der Kompressor ist zu schwer. Was tun? Handarbeit ist angesagt. Steine wegräumen, Pickeln, Felsbrocken verkleinern, Eis hacken! Viktor erstellt mit Giampiero ein Küchenzelt. Schlafzelte werden aufgestellt. Dazu ist es kalt. Graupeln, Schneetreiben. Dagegen hilft nur ab und zu ein Schluck Weisswein. Unser Bauprofi ist Milo Imhof, bald genannt "Komatzu". Als Pendant dagegen Osvaldo Annovazzi, genannt "Caterpilar". Das Wetter verschlechtert sich noch mehr. Wir ziehen uns am Abend alle in die "gemütliche" Küche zurück. Da treffen noch vier junge Aspiranten aus der Region ein. Sie planen am nächsten Tag die Nordwand mit den Skiern zum machen. Junge starke Burschen. Für solche Leute soll das Biwak stehen. Da sie ohne Zelt gekommen sind dürfen sie in unserer Küche essen und in unseren Zelten schlafen. Sonst hätten sie wieder absteigen müssen. Alle schlafen jedoch diese Nacht nicht, denn sie sind damit beschäftigt ihr Zelt zu halten, damit sie nicht weggeblasen werden. Die sogenannten "Rimini-Zelte" geben am nächsten Tag Einiges zu lachen. Als die Aspiranten am nächsten Tag zurückkommen, werden sie mit Applaus begrüsst. Sie waren schnell im Aufstieg und wirkten auf der Abfahrt sehr überlegt. Ihre Fahrt zu beobachten war ein Genuss. Wir sind alle "Monatari" und können uns gemeinsam freuen. Der Sommer dauert für uns 5 Wochenenden. Wochenenden voll von Arbeit, aber auch voller schöner Momente, Gespräche, Kennenlernen und Festigen von Freundschaften. Unsere Gruppe ist immer gemischt. Wir lassen die Leute hochfliegen, damit wir Arbeitszeit und Arbeitskraft gewinnen. Der Weg zu Fuss dauert immerhin ca. 2,5 bis 3 Stunden, je nach Gepäck! Immer wieder erhalten wir während der Arbeit Besuch. Zum Glück haben wir immer ein paar Schaufeln in Reserve, so dass niemanden untätig sein muss. So haben uns die Besucher einen grossen Teil der Helikopterlandeplatzes gemauert und geschaufelt. Unser Küchenzelt wird sehr schnell Opfer der extremen Winde und wir müssen das Material auf dem Gletscher wieder einsammeln und neu verkleinert die Küche wieder bauen. Freude kommt auf, als ich gegen Schluss mit meinem alten Freund Bernd Van Dornik nochmals zum Biwak hochfliege. Er hat an diesem Tag seine 20'000 Flugstunde auf einem Heli absolviert. Wir sprechen von gemeinsamen Einsätzen und fühlen uns stark verbunden. Im September kommt der grosse Tag.

Einweihungsfeier / Inaugurazzione.

Bei unsicherem Wetter fliegen wir ca. 50 Personen zum Biwak. Rund 30 Personen gehen zu Fuss. Bei starkem Schneefall segnet Prior Michel Praplan das Biwak. Er ist ein spezieller Freund der Mannschaft. Er gehört dazu. Seine Zeremonie ist unkonventionell, seine Worte sind treffend. Die Familie von Piero de Zen ist anwesend. Ebenso kommen die Präsidenten der beiden Gemeinden Simplon-Dorf und Oleggio zu Wort. An dieser Stelle ein spezielles Kränzchen für Leopold Zenklusen, der uns immer voll den Rücken gestärkt hat und uns zur Seite gestanden ist. Das Wetter verschlechtert sich und wir müssen an den Abstieg denken. Es gelingt uns, noch einen Flug zu machen. Glück für den Konstrukteur und seine Frau; ebenso erfreut ist Bruder Dominque vom Barralhaus, nicht zu Fuss gehen zu müssen. Die erfahrenen Alpinisten erfassen die Situation sehr schnell und beginnen den Abstieg ihrerseits zu Fuss. Grossartiges Beispiel ist uns hier Adolf Augsburger. Über 70 Jahre, zwei künstliche Knie und er macht beide Wege zu Fuss - Kompliment! Der Rest wartet und hofft. Gegen 3 Uhr gebe ich den Befehl. Alle zu Fuss! Denn mir graust bei dem Gedanken, mit 30 Personen die Nacht in einem Biwak von 9 Plätzen teilen zu müssen. Gegen 18 Uhr sind dann die letzten im Tal. Ein wenig nasse Füsse, zum Teil lachend, zum Teil schimpfend und ein wenig müde, aber alle gesund. Eine Erfahrung, die den Unerfahrenen die Problematik der Berge und die Notwendigkeit eines Biwaks vor Augen führte. Am Sonntag dann das grosse Fest für alle beim Barralhaus. Eine Hl. Messe von Prior Michel Pranplan, der bereits bedenklich erkältet klingt. Panicha, Wein, Gesang und Ansprachen. Höhepunkt ist die Übergabe des Biwaks als Geschenk an die Ortsgruppe Brig. Präsident Marcel Etzensperger nimmt stellvertretend die Schenkungsurkunde in Empfang. Wir hoffen, dass es eine "unendliche" Geschichte der Freundschaft wird. Dass die Freundschaften und Kontakte erhalten bleiben. Wenn man mit dem Herzen spricht, bilden Sprachen keine Barrieren. Wir beschliessen jedes Jahr im September ein Treffen auf dem Simplon zu veranstalten. Damit alles seine Richtigkeit hat, schliessen wir mit der Gemeinde Simplon-Dorf einen Baurechtsvertrag auf 99 Jahre ab!

Vielen Dank!

Übrigens: der Fotoapparat gehörte Giuseppe Vecchio, der aktiv am Bau mitarbeitete.